20.09.2018
"Brennpunkt Pflege"

Das Motto „Brennpunkt Pflege“ war Thema einer Bürgerinformation von Dr. Leopold Herz, Landtagsabgeordneter der Freien Wähler in Lindenberg; von der Ursache des Pflegekräftemangels bis hin zu möglichen Lösungswegen.

Nach der Begrüßung durch den Kreisverbandsvorsitzenden Florian Weber, stellte MdL Dr. Herz die Referenten, Professor Dr. Philipp Prestel von der Fakultät für Gesundheit und Generationen der Hochschule Kempten und Caroline Vogt, Pflegedirektorin um Mitglied der Klinikleitung an der Rotkreuzklinik Lindenberg, vor.  

Professor Dr. Prestel warf den Blickwinkel in seinem kurzen Impulsvortrag auf Altenheime und Pflegeheime. Er zeigte die Entwicklung der letzten 20 Jahre auf. Anfangs waren "rüstige" Bewohner in den Altenheimen, doch das hat sich stark geändert und  die Heime entwickeln sich immer mehr zu "nur" Pflegeheimen. Die Bürokratie ist immens geworden und die Pflegekräfte sind mit 30 - 40 % ihrer Zeit mit Dokumentation beschäftigt , was an Ressourcenverschwendung grenzt! Die Zeit für die Patienten wird dadurch immer weniger! Der intensive Preiswettbewerb  und die Kürzungen der Pflegesätze für die Einrichtungen, hat in Konsequenz zu Personaleinsparungen geführt.  

Fakt ist, dass es einen Pflegenotstand in einem erschreckenden Ausmaß gibt. In einigen Pflegeeinrichtungen können wegen Personalmangel Pflegeplätze nicht mehr vergeben werden und stehen leer. Bis zum Jahr 2025 sind 500.00 - 600.000 Pflegekräfte deutschlandweit notwendig, so Professor Dr. Prestel. 

Frau Vogt berichtet aus der Perspektive des Krankenhauses. Die derzeitige Situation ist auch hier sehr problematisch durch die jahrelange verfehlte Krankenhaus- und Personalpolitik. Die professionelle Pflege im Krankenhaus ist bisher nicht als Leistungsbringer sondern nur als Kostenfaktor angesehen worden. Aus ihrer Sicht gehört die Pflege zur Grundversorgung und der Staat steht in der Pflicht. Die Arbeits- und Rahmenbedingungen professioneller Pflege wird in der Öffentlichkeit negativ bewertet. Die qualitativ hochwertige pflegerische Versorgung der Bevölkerung ist jedoch eines der Grundanliegen in unserer Gesellschaft. Frau Vogt berichtet von einer Studie, dass seit Mitte der 90er Jahre die Stellen für Pflegefachkräfte im Krankenhaus um 8 % reduziert worden sind. 

Professor Dr. Prestel und Frau Vogt zeigten mögliche Lösungswege für die Problematik im Bereich der Pflege auf. Beide fordern die Schaffung einer Pflegekammer in Bayern, analog der Ärztekammer, denn dadurch bekämen die Pflegekräfte eine stärkere Interessensvertretung. Dringend notwendig ist vor allem die Gewinnung von zusätzlichen Pflegekräften beispielsweise durch eine Ausbildungsoffensive zur Nachwuchsgewinnung. Außerdem müssen auch die Bedingungen für zuzugsqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland vereinfacht werden. Ein verpflichtendes soziales Jahr für Männer und Frauen ist durchaus auch eine Überlegung wert. 

Notwendig ist aus Sicht der Fachleute, dass die tatsächlichen Kosten anerkannt und damit die Rahmenbedingungen verbessert werden. Derzeit diktieren die Preise die Kranken- und Pflegekassen. Die ambulante Versorgung, die einen Teil der Pflegenden zu Hause übernimmt, kann mit den derzeitigen Vergütungen zukünftig nicht mehr gewährleistet werden, Dieses Segment muss allerdings dringend gestärkt werden, denn sonst werden weitaus mehr Menschen im Pflegeheim untergebracht. Der Lösungsansatz wäre, dass die Preise und Kosten beispielsweise durch eine unabhängige Kommission festgelegt werden.

Pflegefachkräfte haben hohe Verantwortung, das Ansehen in der Gesellschaft gilt es zu verbessern und den Pflegefachkräften ist mehr Wertschätzung für Ihre Arbeit entgegenzubringen. Es ist notwendig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Arbeitsbelastung zu verringern, um das Ausbrennen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu vermeiden. Dies erfordert eine angemessene pflegerische Personalausstattung in allen Versorgungsbereichen, ob Ambulante Pflege, Alten- und Pflegeheim wie auch Krankenhaus. Aus diesen Fakten ergab sich eine lebhafte Diskussion mit den Anwesenden.  

MdL Dr. Herz stellte abschließend fest, dass neben der Angehörigenpflege, werden in allen Bereichen der Versorgung, vom Kinderkrankenhaus bis zur spezialisierten ambulanten Versorgung, Alten- und Pflegeheimen vor allem professionell agierende Pflegefachkräfte in ausreichender Anzahl benötigt werden. Er sieht hier für die Politik dringenden Handlungsbedarf; es ist schon "5 nach 12". Derzeit fehlen rund 17.000 - 20:000 Pflegekräfte. "Wir steuern auf eine humanitäre Katastrophe zu", so MdL Dr. Herz. Um das Problem anzugehen genügt nicht oberflächliche Kosmetik mit schönen Worten,  sondern es muss von der Wurzel angegangen werden- Es muss von Seiten des Staates dringend Geld für menschenwürdige Pflege bereitgestellt werden.